Tinnitusforschung

Normalerweise werden nach einem Schaden die sensiblen Haarzellen von der Spitze zur Basis hin erneuert, so dass innerhalb von etwa zwei Tagen ein vollständig neues Haar entsteht. So klingen Hörschäden an den Haarzellen durch starken Lärm meist innerhalb von etwa zwei Tagen wieder ab. Das entspricht der Zeit, in der sie erneuert werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass Degenerationsvorgängen in den Haarzellen durch unterschiedliche Ursachen bei der Entstehung von Tinnitus eine entscheidende Rolle zukommen.

Die Haarzellen in der Hörschnecke des Innenohres sind die wesentlichsten Sinnesorgane für das Hören. Eine Schallwelle gelangt zunächst über den Gehörgang, das Trommelfell und die Gehörknöchelchen zum ovalen Fenster. Dahinter setzen die Schallwellen in der Hörschnecke (Cochlea) des Innenohrs die so genannte Basilarmembran in Schwingungen, die jedes akustische Signal in seine verschiedenen Frequenzen zerlegt. Die Sinneszellen entlang der Basilarmembran (die so genannten inneren Haarzellen) nehmen die Schwingungen auf und senden sie dann als entsprechende Signale an den Hörnerven.

Welche der Haarzellen - und damit auch welche nachgeschalteten Nervenzellen - ein Signal aktiviert, hängt folglich von den verschiedenen Frequenzen ab, aus denen sich der Ton zusammensetzt. Diese frequenzabhängige Ordnung setzt sich entlang der gesamten Hörbahn fort. Mithilfe mehrerer Methoden konnten Forscher nachweisen, dass beim Hören verschiedener Töne auch unterschiedliche Bereiche des Hörrinde des Gehirns aktiv sind und die eintreffenden Signale an unterschiedlichen Stellen entschlüsselt werden.

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Haarzellen (Elektronenmikroskop)

Ein Schaden führt dazu, dass Teile der Haarzellen in einem bestimmten Frequenzbereich nicht mehr in normaler Weise aktiv sind.
Man kann das mit drei Lautsprechern vergleichen, wovon plötzlich einer, der für bestimmte Frequenzbereiche (zB. für Bässe) zuständig ist, nicht mehr richtig funktioniert. Das Gehirn versucht nun, diesen Frequenzbereich (den einen "defekten Lautsprecher") als Kompensation zu verstärken, indem es hemmende Nervenzellen aktiviert, die noch funktionierende, Frequenzen am Rande des geschädigten Bereiches unterdrücken. Diese aktivierten, Nervenzellen senden Hemmsignale, die vom Patienten zunächst nur schwach wahrgenommen werden. Gleichzeitig senden die geschädigten Zellen immer weniger Signale.
Man kann sich das an unserem Beispiel so vorstellen, dass die zwei noch funktionierenden Lautsprecher leiser gedreht werden, damit der defekte Lautsprecher besser zur Geltung kommt.
Die Signale aus den aktivierten, hemmenden Nervenzellen gelangen zum Hörzentrum des Gehirns (der sogenannten "Hörrinde"), das unter dem Einfluss des "limbischen Systems" steht, einem Hirnareal, das für Emotionen zuständig ist. Dieses dient normalerweise dazu, das Gehör an Umweltbedingungen anzupassen (wie "ausblenden", "verstärken", "Hörgenuss" vermitteln). Die Signale werden dort unter dem Einfluss von Emotionen oder besonderer Aufmerksamkeit durch das limbische System als Art "Störsignale" massiv verstärkt. Der Patient wird sozusagen auf seinen Tinnitus "aufmerksam". Richtet der Betroffene seine Aufmerksamkeit darauf und kommt eine negative emotionale Haltung gegenüber der Ruhestörung hinzu, springt eine Rückkopplungsschleife zwischen dem Hörrinde und dem limbischen System an. (Das erklärt auch den engen Zusammenhang von Tinnitus und Emotionen!)

Wenn dieser Mechanismus lange andauert, hört der Patient nur mehr die "Störsignale". Das Hörsystem ist andauernd aktiviert, ohne dass Schall am Ohr eintrifft. So kann sich aus einer defekten Haarzellaktivität zu Beginn (die man übrigens auch messen kann) unter Einfluss des "Lautstärkereglers der Gefühle" im limbischen System ein anhaltender Tinnitus entwickeln.

Zusammengefasst: Am Anfang versucht das Gehirn sozusagen noch die defekten Haarzellen zu regulieren, später aber führt genau dieser Regulierungsmechanismus durch emotionale Verstärker zum anhaltenden Tinnitus. Ein Hörschaden allein macht also noch keinen Tinnitus. Dieser entsteht erst, wenn das Gehirn versucht, fehlende Eingangssignale auszugleichen. Das nervtötende Phantomgeräusch tönt umso lauter, je aktiver die positive Rückkopplung zwischen "Emotionssystem" und Hirnrinde arbeitet. So spielt letztendlich unser Gefühlsleben bei der Entstehung der Hörstörung eine entscheidende Rolle - das limbische System dreht den Lautstärkeregler!

Die Erklärung dafür lieferten Neurobiologen: Wenn man bei tauben Patienten mit Tinnitus den Hörnerven durchtrennt (also praktisch keine Signale von den Haarzellen des Innenohrs an die Hörrinde gelangen können) bleibt das Geräusch unvermindert bestehen. Der Tinnitus hat sich sozusagen nun in einem anderen Teil des Hörsystems (vermutlich der Hörrinde manifestiert, wie es durch Aktivitätsmessungen in Hirnarealen gezeigt werden konnte!

Es macht also Sinn, so früh als möglich die degenerativen Vorgänge von Haarzellen im Innenohr zu stoppen, bevor sich der Tinnitus durch die Regulationssmechanismen im Gehirn festsetzt!